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Nostalgie nach Einfachheit

„If you were born in the 80s or 90s, you grew up in a world, that doesn’t exist anymore. …“

Es ist ein normaler Donnerstagvormittag im Oktober. Naja, fast normal, denn es sind Herbstferien. Es ist kein besonders sonniger Herbsttag, aber immerhin trocken und so mache ich mich mit meinem Sohn auf den Weg auf den Spielplatz. „Ein Vormittag in den Ferien“, denke ich mir, „da begegnet man sicher jemandem auf dem Spielplatz zum Quatschen.“

Doch ich werde eines Besseren belehrt. Wir sind fast zwei Stunden mutterseelenallein auf einem Spielplatz, der mitten in einem Wohngebiet liegt, in dem echt viele Familien mit Kindern leben. Aber… Leere. Und ich merke, dass sich ein komisches Gefühl anbahnt.

Ich kann es nicht in Worte fassen. Irgendeine Art von Enttäuschung. Aber warum? Ich habe mich mit niemandem explizit auf dem Spielplatz verabredet. Warum also sollte ich irgendjemanden hier antreffen? Meinem Sohn ist all das egal – er hat eine gute Zeit, hüpft Trampolin, spielt ausgiebig im Sand. Das liebe ich zu sehen. Wie er sich beschäftigt und kreativ wird, dabei vor sich hin brabbelt und zwischendurch nach einem Snack fragt. Als wir also spielend und schweigend nebeneinander im Sand sitzen, lasse ich meine Gedanken schweifen und höre in mich hinein. Was ist das für ein Gefühl, das ich da in mir trage? 

Die Feelings

Jup, eine Enttäuschung, dass gar kein einziges Kind bzw. auch Elternteil zum Quatschen oder wenigstens kurzem Grüßen in all der Zeit vorbei kommt. 

Jup, eine kleine Wehmut, weil ich mich erinnere, wie unsere Ferien früher damit gefüllt waren, sich auf dem Spielplatz zu verabreden und von dort aus als Kommandozentrale den weiteren Tagesverlauf der Ferien zu planen – so ganz einfach. 

Jup, eine Mutmaßung darüber, wie die Kinder „heutzutage“ nicht mehr rauskommen und in den Ferien drin vor ihren Gadgets verbringen – über diese Mutmaßung muss ich dann schließlich schmunzeln. Jetzt bin ich doch tatsächlich schon im Alter von „früher war alles besser“ angekommen. Herrjeee…

Plötzlich fällt mir ein Video ein, das ich einige Tage zuvor gesehen hatte. Hatte mir mein Algorithmus zuverlässig ausgespuckt, danke Instagram. Es handelt von 80er und 90er Kindern, wie ich eines bin, die die letzte Generation bilden, die ohne Technologie groß geworden ist. Aber die erste Generation, die irgendwie zwischen den Welten groß geworden ist… 

FYI: Das hier ist keine Werbung für irgendeinen Account – es geht mir lediglich um das Video. Bzw. um den Text im Video: 

If you were born in the 80s or 90s, you grew up in a world, that doesn’t exist anymore. You remember when friendship meant knocking on someone’s door, not sending a text. When Saturday mornings were made for cartoons, not scrolling feeds. When happiness came from mixtapes, bike rides and street lights telling you it was time to go home. But here is what makes your generation different:

You are the bridge. 

The last to know life without technology. And the first to grow up adapting to it. You lived through payphones and dial up. And then watched the world transform into something faster, louder and harder to escape. And maybe that’s why people born in the 80s or 90s carry a certain ache:

A nostalgia for simplicity. 

Jup, als ich da so mit meinem Sohn im Sand sitze, den ich mir meditativ durch die Finger rinnen lasse, merke ich: Ich bin die Generation, die einen leisen Schmerz wegen dieser „Nostalgie nach Einfachheit“ in sich trägt.
Diese Sehnsucht nach einem einfachen Leben ohne Bildschirm, nach „wir sehen uns morgen auf dem Spielplatz“, nach den läutenden Glocken in unserem Dorf, die allen Kids verkündet hat, dass jetzt Abendessenzeit ist, nach Verbundenheit und Begegnung im Hier und Jetzt… weil ich das in meiner Kindheit erleben durfte. Und weil ich mir einiges davon für meinen Sohn wünsche.

Und gleichzeitig spüre ich: es stimmt, ich MUSS ein Brückenbauer sein, damit mein Sohn wirklich etwas davon mitbekommt, was ich mir so sehr für ihn wünsche. Irgendwie merke ich, dass es weniger ein Gefühl, sondern mehr ein Wert ist, den ich weitergeben möchte. Also: what to do? 

Vom Brücken bauen durch Grenzen setzen

Diese Frage beschäftigt mich nun schon lange. Wie schaffe ich es, diese Brücke zu bauen und nicht nur wehmütig in der „guten alten Zeit“ festzuhängen? 

Um die für mich unbequeme Antwort, komme ich nicht drum herum. Ich muss die Brücke bauen, indem ich die Sehnsucht nach Einfachheit authentisch vorlebe – indem ich Grenzen setze. MIR Grenzen setze.
Denn: Mein Sohn lernt durch Nachahmen. So viel habe ich in den letzten Jahren schon verstanden. Um also authentisch die Einfachheit beizubehalten und nicht in eine totale Abhängigkeit von Technologie hereinzukommen, muss ich selbst dazu in der Lage sein, mein Smartphone beiseite zu legen. Erwischt. Natürlich gibt es auch andere technologische Errungenschaften – aber ich glaube, dass im Jahr 2025 das Smartphone mit allem, was es kann, mit sich bringt und uns an sich bindet, wohl das technologische Gadget ist, was uns allen am meisten hilft… und auch am meisten fesselt. Uns schlichtweg von Einfachheit abhält. Die Sehnsucht danach oftmals erstickt. 

Irgendwie wäre es jetzt fies, an dieser Erkenntnisstelle stehen zu bleiben und keine Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Dann wäre jetzt alles nur Blabla gewesen. Also…wow, ich glaube, das wird jetzt mein erster „Drei Dinge die…“ Blogbeitrag. Auch hierüber muss ich beim Schreiben schmunzeln. Egal, jetzt sind wir schon mal an dem Punkt angekommen.

Drei Dinge zum Ausprobieren

Ich möchte also drei kleine oder auch größere Dinge teilen, eher Gewohnheiten, die mir dauerhaft oder von Zeit zu Zeit helfen, meine „Sehnsucht nach Einfachheit“ zu befeuern, die für mich mittlerweile ganz „natürliche Grenzen“ sind und die ich meinem Sohn vorlebe/vorleben möchte. Wenn du sie gleich liest, hoffe ich, dass das ein Anstoß für dich wird, die Gewohnheiten einfach mal auszuprobieren. Oder dich zumindest irgendwann mal dunkel an sie zu erinnern. Und vielleicht zu schmunzeln. Oder sie auch fest zu etablieren. 

1. In Gemeinschaft bleibt mein Handy in der Tasche 
Kennst du das? Man trifft sich in einem Café und das Erste, was passiert ist, dass alle ihr Smartphone in der Mitte auf dem Tisch positionieren. Damit man auch am anderen Ende der Welt nichts verpasst oder so? Fand ich schon immer komisch um ehrlich zu sein. Irgendwie würdigt man damit so wenig das Hier und Jetzt. Mir hilft es jedenfalls, wenn ich bspw. bei besagtem Cafébesuch, auf Geburtstagen, an Familienfeiern, bei einem Playdate oder auch wenn Besuch da ist, möglichst oft darauf achte, mein Handy außer Reichweite zu haben. Zuhause lege ich es bewusst in den Flur oder oben auf ein Regal – außerhalb meines Sichtfelds. Wenn ich unterwegs bin, lasse ich es in meiner Handtasche, mindestens aber in meiner Jacken- oder Hosentasche. Ich möchte meinem Sohn vorleben, dass ich damit die Zeit, die ich mit anderen Menschen verbringe, ehre. Das Hier und Jetzt ist wertvoll. Ganz einfach. 

2. Kein Smartphone im Schlafzimmer
Als mein Mann und ich geheiratet haben, haben wir uns vorab gefragt, was unserem Start in die Ehe gut tun würde. Wir waren uns beide einig, dass wir zu viel Zeit am Handy verbringen und es uns vor allem abends schwer fällt, das Ding beiseite zu legen. Also legten wir als Regel für unsere Ehe fest: „Unsere Smartphones kommen nicht mit ins Schlafzimmer“. Wir ziehen diese Regel fast immer durch und es hilft uns enorm, abzuschalten. An alle, die jetzt mit dem guten alten „ich brauch aber doch mein Handy als Wecker“-Syndrom um die Ecke kommen: Nein. Brauchst du nicht. Ich sag mal so… wir wohnen seit einigen Wochen in einer Nachbarschaft mit Hahn. Der ist recht zuverlässig. 😉 Ansonsten tut’s ein analoger Wecker auch. Ganz einfach. Diese Regel möchte ich btw auch vorleben, um authentisch zu sein und das Selbe guten Gewissens von meinem Sohn mal erwarten zu können. Irgendwie krass – aber Vorbild ist nunmal key, hab ich zumindest gehört.

3. Alle paar Wochen/Monate eine Social Media Pause einlegen
Ich schätze, nichts hat die Internetnutzung so verändert wie Social Media. Ich habe dafür keine Beweise, empirischen Daten oder Studien. Ist nur so ein Eindruck. Das schiere Angebot an Entertainment nimmt kein Ende – und es hat definitiv auch viel Gutes. Gleichzeitig merke ich für mich: Ich bin damit von Zeit zu Zeit überfordert. Und immer, wenn ich eine leise Stimme „das überwältigt mich jetzt aber“ sagen höre, schalte ich ab. Ich deaktiviere einfach meinen Instagram-Account (weil das meine Social Media Zeitfresser-Plattform ist) auf ungewisse Zeit. Seit mittlerweile vier Jahren mache ich das so. Im ersten Jahr sporadisch, im zweiten war ich mehr abgemeldet als angemeldet, im dritten Jahr habe ich zu ganz bewussten/geplanten Zeiten die Pause eingelegt (Gamechanger, sag ich dir!), im vierten Jahr hielt sich die Zeit mit und ohne Social Media so ziemlich die Waage. Wenn mein Account deaktiviert ist – ich also nicht mal mehr auffindbar bin – merke ich, wie meine Gedanken nach wenigen Tagen ruhiger werden. Ich habe dann ja auch so viel weniger zu verarbeiten und mitzubekommen. Es tut mir gut. Ganz einfach.
Das Erstaunliche: ICH. VERPASSE. ABSOLUT. GAR. NICHTS.

Nochmal kurz Butter bei die Fische

Ich bin keine Heilige, was das Thema Mediennutzung anbelangt. Aber ich möchte achtsam bleiben – weil ich die Benefits in meinem Alltag durch die oben genannten Gewohnheiten sehe. Weil ich mich dazu entschieden habe, eine Brückenbauerin zu sein und diese Würde und Bürde meiner Generation ernst zu nehmen. Weil die „Nostalgie nach Einfachheit“ mich antreibt, wie ich mit Sand in der Hand auf dem Spielplatz feststellen durfte. 


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